Danke, Nora!

Lamm

Nora war ein hübsches, schwarzbraunes Schaf aus der Nachbarschaft, ein Mischling aus Jura-Bergschaf und Walliser Schwarznase. Sie durfte mit ihren Herdengenossen hin und wieder in unserem Garten grasen, wir schauten dabei zu und passten auf, dass kein Schaf abhanden kommt. Wenn wir nicht ganz genau hinsahen, knabberte sie frech ein paar Knospen an den Sträuchern ab, wir erhoben kurz den Zeigefinger, meinten es aber nicht wirklich ernst… was soll’s, wenn’s eben so gut schmeckt! Nora wurde von uns gestreichelt, bekam Leckerbissen in Form von trockenem Brot, wir brachten sie abends mit den anderen in ihren Stall und sorgten für frisches Wasser und Stroh.

Alles in dem Wissen, dass der Besitzer seine Schafe, so gern er sie hat, letzten Endes als Nutztiere hält und irgendwann der Zeitpunkt kommen wird, na ihr wisst schon… Der Besitzer brachte sie eigenhändig, in einem den Schafen bekannten Anhänger, um sie nicht zu verängstigen, mit einem weiteren Schaf zum Metzger. Dort geschah was geschehen musste.

Wir haben seitdem einige Male sehr gutes Schaffleisch und Innereien gegessen. Was für uns nicht genießbar war, bekam der Kater Findus, und gestern haben wir das gegerbte, unglaublich weiche Schaffell abgeholt.

Schaffell

Was sich auf den ersten Blick vielleicht grausam oder zumindest widersinnig liest, ein Tier zu streicheln, gern zu haben, und dann so zu „verwerten“, ist das, was jeder (Vegetarier ausgenommen) tut, sooft er an der Fleischtheke einkauft.
Je nach Art dieser Fleischtheke (örtlicher Metzger oder Discounter) wurde das Tier allerdings mehr oder weniger geschätzt und gut behandelt. In fast allen Fällen sicher weniger als unsere Nora, denn je mehr jemand sein Geld mit den Tieren verdienen muss, desto rationeller muss er selbstverständlich arbeiten. Hätte ich hier die Geschichte eines Tieres erzählt, dessen Fleisch gerade in einer Metzgerstheke oder gar im Discounter liegt, hätten die meisten wohl nach wenigen Zeilen aufgehört zu lesen.

Wer sich bei jedem Kauf von Fleisch oder anderen tierischen Produkten die Geschichte von Nora vor Augen hält und dabei bedenkt, dass die Geschichte des auf üblichem Wege (also nicht beim Hobbybauern) gekauften Fleisches um einiges unschöner ist, der wird diese Produkte mit Sicherheit bewusster genießen.

Sicherlich ist es einfacher, nicht darüber nachzudenken und das Fleisch in den Einkaufswagen zu legen ohne sich seiner Geschichte bewusst zu werden. Aber wollen wir uns wirklich derart selbst belügen?

Ich für meinen Teil kuschel mich jetzt auf das weiche Fell, träume von feinem Lammragout und sage „Danke, Nora!“, inzwischen auch ohne das als widersinnig zu empfinden.

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Über die wolpertingerin

30, ein bayrisches Fabelwesen aus Strickmamsell, Mama, Berghex’, Leseratte,…
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2 Antworten zu Danke, Nora!

  1. t0bY! schreibt:

    Hey, ich kann Dich hier sehr gut verstehen. Ich bin aufgewachsen auf einem Bauernhof (im Nebenerwerb) wo wir uns immmer viel Zeit für die Tiere nehmen konnten. Für mich war es ganz normal Tieren ein schönes Leben zu bereiten, sie zu streicheln und später zu essen. Man lernt vor allen Dingen, Fleisch zu schätzen und vom Tier nicht nur das Filet zu essen. Mittlerweile bin ich in die Stadt gezogen und es ist für mich echt schwer geworden, hier gutes Fleisch zu finden…

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  2. Pingback: Wir können nur Jungs… | die wolpertingerin

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