Lesestoff: Thursday Next – Der Fall Jane Eyre

Bild aus der online-Bibliothek LEO-SUED

Fast hatte ich schon die Vermutung, selbst in der Welt von Thursday Next gefangen zu sein, einer Welt voller mysteriöser Vorkommnisse und finsterer Machenschaften rund um die Literatur. Denn ständig hielt mich irgendetwas davon ab, dieses Buch zu lesen: Kinder krank, ich krank, furchtbare Müdigkeit, Leihfrist wieder abgelaufen und erst im nächsten Monat wieder verfügbar (ich leihe e-Books online über unsere Stadtbibliothek).

Doch endlich habe ich mich durchgtesetzt und konnte in den ersten Band der Thursday Next – Reihe und damit in eine ganz andere Welt eintauchen:
Die Literatur spielt hier eine große Rolle (und dennoch muss der Leser kein Literaturfreak sein und auch nicht die Literaturklassiker wie „Jane Eyre“ gelesen haben). Anhänger literarischer Strömungen demonstrieren gegeneinander wie bei uns die Anhänger extremer politischer Parteien, Verfechter literarischer Theorien (gab es Shakespeare wirklich oder wer schrieb seine Werke) bekämpfen sich wie bei uns Angehöriger verschiedener Religionen.

In dieser Welt arbeitet Thursday Next als Literaturagentin mit der Hauptaufgabe, Fälschungen zu entdecken. Dann jedoch wird eine Romanfigur zu erpresserischen Zwecken aus ihrem Buch entführt – die Tragik einer solchen Entführung oder anderer Eingriffe in Erstausgaben ist, dass sich damit alle nachgedruckten Exemplare dieses Werks „umschreiben“ und ihre Handlung verändern. Es gäbe also dann nur noch „Jane Eyre“-Bücher ohne Hauptfigur – Das Buch wäre nach wenigen Seiten zu Ende und ein bedeutendes literarisches Werk verloren – Das muss verhindert werden!

Um nicht – wie ich hier – sämtliche Besonderheiten dieser Welt in Nebensätzen erklären zu müssen, fügt der Autor immer wieder erklärende Texte als Tagebucheinträge, Fachbuchzitate, Arbeitsanweisungen etc. ein. So wird der Lesefluss nicht störend durch Erklärungen unterbrochen, die einen wieder in „unsere“ Welt zurückholen würden, weil sie eben Beschreiben was in der Welt von Thursday Next „anders“ ist, sondern die Erklärungen kommen direkt aus „ihrer“ Welt.
Dort ist nämlich so einiges anders: Es gibt Dinge, die bei uns „ausgestorben“ sind (Luftschiffe, im 2. Band Mammuts) und solche, die es bei uns (noch) nicht gibt, wie Hochgeschwindigkeits-Verkehrsmittel (Dafür gibt es keine Flugzeuge). Für viele mehr oder weniger sinnvolle Erfindungen ist auch Thursdays Onkel verantwortlich, dem bei den Tests seiner neuartigen Maschinen immer wieder die skurrilsten Dinge passieren.
Außerdem ist es einigen Menschen möglich, in der Zeit zu reisen. Hierbei fand ich es sehr amüsant, wie Thursdays Vater, der diese Gabe besitzt, immer wieder von Gegebenheiten (politisch, geschichtlich) erzählt, bei denen man sich denkt „Was? Das war doch ganz anders?“ und die dann durch Eingriffe von Zeitreisenden in den Lauf der Geschichte verändert werden, so dass es wieder „passt“. Mein Lieblingsbeispiel: Thursdays Vater hat auf einer Reise in die Zukunft der Erfindung einer länglichen, wohlschmeckenden und sättigenden Frucht, die in ihrer eigenen Verpackung daherkommt, beigewohnt. Diese will er auf einer weiteren Reise in die Vergangenheit dort „einführen“ und sehen was passiert. Und deshalb essen wir heute auf der ganzen Welt Bananen.
Über das Reisen in der Zeit können Personen, die den Machthabern im Wege stehen, „genichtet“ werden – das bedeutet: rückwirkend ausgelöscht. So wurde Thursdays Vater genichtet, indem beim Zeitpunkt seiner Zeugung an die Tür geklopft wurde und diese somit verhindert. Da er jedoch durch die Zeit Reisen kann, ist er immer noch „zwischen den Zeiten“ unterwegs und besucht so immer wieder seine Familie.

Neben dem amüsanten Schreibstil hat mir an dem Buch sehr gefallen, dass es eine Welt beschreibt, die keine totale Phantasiewelt mit Elfen, Zwergen und Zauberern ist, sondern die unserer Welt ähnlich ist und neben einigen für uns mysteriösen Eigenschaften (Zeitreisen, Bücherreisen) nur aus einem anderen Lauf der Geschichte entstanden ist.
Der Bezug zu literarischen Werken, die man kennt, macht diese Welt noch realer. Man muss diese jedoch nicht gelesen haben, weil sie an den relevanten Stellen auch erklärt werden (z. B. indem Thursday einem Kollegen, der das Buch auch nicht gelesen hat, die Handlung zusammenfasst).
Einzig im Bereich „Zeitreisen“ sind mir immer wieder Ungereimtheiten aufgefallen, was aber vermutlich bei diesem Thema nie ganz ausbleiben wird.

Inzwischen habe ich mit Band 2 („In einem anderen Buch“) begonnen und bin gespannt, was ich mit Thursday Next auf den Reisen durch die Bücher und die Zeit noch alles erleben darf.

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Über die wolpertingerin

30, ein bayrisches Fabelwesen aus Strickmamsell, Mama, Berghex’, Leseratte,…
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